Hier können Sie die ersten 3 Kapitel aus "Brombeerliebe" lesen und schauen, ob Sie Lust auf mehr haben. ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

Kapitel 1

Lu war kaum mit den Kindern und Yvonne vom Hof verschwunden, da hatte ich das Telefon schon in der Hand. Von wegen, das könne bis nach den Ferien warten. Soweit kam es noch, dass er sich in unserem Ferienhaus mit dieser Schnepfe vergnügte und mich hier ohne Auto sitzen ließ.
Ich würde mir einen Leihwagen organisieren, nichts leichter als das. Wütend wählte ich die Nummer des Autohändlers.
„Autohaus Krug, guten Tag, Sie sprechen mit Harald Krug. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine gediegene männliche Stimme.
„Hallo, Herr Krug“, ich gab mir Mühe, fröhlich zu klingen. „Hier ist Sue Sandig.“
„Ach, Frau Sandig! Wie geht es Ihnen?“
„Gut, danke.“ Mir lief der Schweiß in den speckigen Nacken, aber es war draußen sicher um die dreißig Grad, da schwitzten auch dünnere Menschen.
„Sind Sie zufrieden mit Ihrem neuen Wagen?“, fragte Krug interessiert.
„Es geht so, Herr Krug“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich glaube, es müsste mal jemand vorbeikommen.“
„Ach, wirklich? Was ist denn passiert?“
Nun wurde es heikel. Wie viel Wahrheit mochte er vertragen?
„Also, wenn ich ehrlich sein soll, Herr Krug, dann weiß ich das nicht so genau“, log ich. „Aber er macht Probleme.“ Vielleicht war es besser, wenn ich ihn langsam heranführte an mein kleines Dilemma.
„Er macht Probleme? Wirklich? Na, das ist aber unge-wöhnlich, Sie haben ihn doch erst vor einer Woche abgeholt, da war doch noch alles in Ordnung, oder?“, erkundigte sich Krug hellhörig.
Eine Woche war lang, da konnte viel passieren. Die Ferien konnten beginnen, vier meiner sechs Kinder konnten mit meinem Mann nach Holland ans Meer aufbrechen, wie immer ohne mich, weil ich am nächsten Buch schreiben musste. Eine männerfressende Bestie konnte beschließen, dass sie und ihre Tochter meine Familie begleiten würden. Mein Mann und ich konnten uns über eine elende Baumwurzel streiten.
„Sind Sie noch dran, Frau Sandig?“
„Ja, ich bin noch dran.“
„Also, was ist denn mit Ihrem Wagen?“
„Da steht ein Rad schief.“
„Ein Rad steht schief?“
„Ja, richtig, ein Rad steht schief.“
Lachte Krug etwa? Weil ich eine Frau und rotblond war? Sicher schlug er mir gleich vor, das Lenkrad zu bewegen.
„Bewegen Sie doch das Lenkrad ein wenig.“
„Das habe ich schon versucht“, sagte ich und betrachtete das schöne lederne Steuergerät, das ich mit ins Haus gebracht hatte, damit es nicht so im Staub herumlag. „Das nützt nichts. Es ist ja das hintere Rad.“
„Vielleicht sollten Sie den Wagen einmal starten“, schlug Krug vor.
„Er lässt sich nicht mehr so gut starten“, seufzte ich.
„Sie können ihn nicht starten?“
Hörte der Mann eigentlich nicht zu? Ich sprach doch klar und deutlich.
„Ich kann ihn starten, aber nicht mehr so gut“, korrigierte ich ihn.
„Wieso denn nicht?“, fragte Krug.
„Weil das vom Beifahrersitz aus sehr mühsam ist“, erwiderte ich.
„Wieso denn vom Beifahrersitz aus? Das geht doch gar nicht.“
„Doch, doch, das geht schon, aber es ist ziemlich um-ständlich, wissen Sie?“
„Dann starten Sie ihn doch vom Fahrersitz aus.“ Krug klang so, als wollte er gleich auflegen.
„Das geht nicht.“
„Wieso nicht?“
„Die Fahrertür geht nicht mehr auf.“
„Was? Das gibt’s doch nicht! Warum denn nicht?“
„Weil sie ein wenig klemmt“, umschrieb ich das Problem vorsichtig. War jetzt der Moment, in dem ich ihm sagen sollte, dass sich unser Trecker in dem Wagen verkeilt hatte und dass er ihn immer mit sich zog, sobald ich einen der vielen Gänge einlegte und Gas gab?
„Die Fahrertür klemmt?“, fragte Krug fassungslos.
„Ja, genau.“
Er schien zu überlegen. „Was ist denn mit der anderen?“
„Welcher anderen?“, fragte ich irritiert.
„Na, die andere Tür!“, erklärte Krug ungeduldig.
„Ach, Sie meinen die auf der Beifahrerseite!“
„Richtig!“, sagte er.
„Ach so, nein, die ist in Ordnung. Da bin ich doch rein-gekrabbelt, um ihn zu starten. Sagte ich das nicht gerade?“ Er musste sich schon ein wenig auf unser Gespräch konzentrieren, fand ich. „Sie wissen ja, dass ich nicht besonders sportlich bin, Herr Krug. Es wäre schön, wenn ich wieder normal ans Zündschloss käme.“
„Einen Moment, Frau Sandig, ich muss mir einmal kurz Ihre Kundendatei aufrufen.“
Krug kannte mich, wieso stellte er so eigenartige Fra-gen? Auch ohne Kundendatei musste er sich doch erinnern, wie ich aussah. Ich war längst an dem Punkt angekommen, wo sich meine gut 100 Kilo nicht mehr unter wallenden Kleidern verbergen ließen, weswegen ich meine Waage ja auch kurzerhand in den Stall verbannt hatte.
Während Krug mich in dem System des Autohauses suchte, strich ich mir die verschwitzten Haare aus dem Gesicht. Eigentlich hatte ich eine Pizza im Ofen, aber mir war der Appetit vergangen, also schaltete ich den Herd aus.
Ich verfluchte den Tag, an dem der Blitz die alte Kastanie gespalten hatte. Und ich verfluchte Lu. Konnte er die Wurzel nicht einfach im Boden lassen? Das ganze Frühjahr hatte er in jeder freien Minute an den alten Baumresten herumgesägt und daraus Brennholz gemacht. Hätte er denn nicht wenigstens die Wurzel in Frieden ruhen lassen können, bis er aus dem Urlaub zurückkam? Aber nein, er habe schließlich mehr Zeit als genug, erklärte er mir. Es wäre etwas anderes, wenn es auf unserem Hof Tiere gäbe, wie auf allen anderen Höfen in der Umgebung, wie auf allen anderen Höfen im Sauerland, wie er energisch feststellte.
Das war ein wunder Punkt zwischen meinem Mann und mir. Ich bezweifelte gar nicht, dass Lu ein Händchen hatte für alles, was muhte, wieherte und grunzte, aber ein Stall voller Kinder reichte mir, wenn ich ehrlich war. Und eines stand fest: So sicher, wie ich nie wieder schwanger werden würde, so sicher würde ich weder mit den Kühen aufstehen noch mit einer Mistgabel hinter den Kötteln von Ponys herrennen, die sich die Mädchen so sehnlich wünschten.
Ich hatte plötzlich unglaublichen Durst und wanderte mit dem Telefon zum Kühlschrank, um mir eine Limonade zu holen. Das beste Mittel gegen eine gute Figur. Tausendmal besser als Wasser.
Irgendetwas wisperte an meiner Schulter, das Telefon war mir ein wenig vom Ohr gerutscht, während ich aus der Flasche trank.
„Haben Sie etwas gesagt, Herr Krug?“, meldete ich mich zurück.
„Ja, das habe ich“, sagte Krug. „Also, Frau Sandig, an dem Neuwagen, den Sie letzte Woche erst erhalten haben, haben sich, wenn ich Sie richtig verstanden habe, gravierende Mängel eingestellt?“
„Nun ja“, ich zögerte und spielte ein wenig mit dem Lenkrad. Dann nickte ich, auch wenn er das nicht sehen konnte. „Ganz richtig. Gravierende Mängel. So kann ich jedenfalls nicht mit dem Wagen fahren.“
„Ich verstehe“, murmelte Krug.
Verstand er wirklich? Erstaunlich, dachte ich überrascht.
„Er macht auch einen Höllenlärm, wissen Sie, das ist kaum auszuhalten.“
„Was denn für Lärm?“
„Na, wenn ich ihn starte“, sagte ich und verdrehte die Augen.
„Woher kommt denn der Lärm?“, fragte Krug vorsichtig.
„Ich glaube, er kommt von der Stelle, wo vorher der Auspuff war.“
„Wo der Auspuff war?!“
„Ja, der ist auch abgefallen.“
„Auch?!“
„Ja, wie die Stoßstange.“
„Frau Sandig, ich schicke sofort jemanden zu Ihrem Hof raus. Darf ich noch eine letzte Frage stellen? Sind Sie unverletzt?“
„Ja, das bin ich“, erwiderte ich. Sollte ich ihm sagen, dass der Trecker auch in Ordnung war? Nicht mal einen Kratzer hatte ich an dem entdeckt.
„Frau Sandig, bleiben Sie ganz ruhig, wir kommen so schnell wir können.“
„Könnten Sie wohl einen Leihwagen mitbringen? Das wäre wirklich großartig, Herr Krug!“
Er schwieg für einen Moment, dann sagte er: „Natürlich, Frau Sandig, Sie und Ihr Mann sind gute Kunden, da lässt sich sicher etwas machen. Wir wollen Ihr Vertrauen in unser Haus doch nicht enttäuschen!“
„Herzlichen Dank“, sagte ich und verkniff es mir, ihn darauf hinzuweisen, dass das nächste Autohaus immerhin gut zwanzig Kilometer entfernt war. Unser Dorf hatte nur ihn, da war das mit dem Vertrauen naheliegend.
Erleichtert verabschiedete ich mich und legte auf. Dann ging ich auf die Terrasse, um endlich meine Post durchzusehen.

Kapitel 2

Das schwere Päckchen mit der Korrekturfahne meines neuen Romans legte ich zur Seite, mit ihr würde ich noch genug Zeit verbringen. Die Rechnungen waren auch schnell durchgesehen. Bei der Überprüfung meiner Kreditkartenumsätze musste ich jedoch schmunzeln. Lu hatte sich drei meiner Bücher heruntergeladen, statt sie einfach nur aus unserem Bücherregal zu ziehen. Was hatte er denn damit vor? Er gehörte doch eigentlich nicht zu meinen Lesern.
Mein Mann war zwar ein empfindsamer Kerl, aber er trug sein Herz nicht auf der Zunge, und jede Darstellung von Liebe, ob im Buch oder im Film, brachte ihn an den Rand der Schnappatmung. Bücher mit pastellfarbenem Einband verweigerte er schon aus Prinzip, bei Filmen spulte er alle Gefühle zugrunde. Nie erfuhr ich, was sich die Helden zuflüsterten, nie konnte ich in ihrer Sehnsucht schwelgen. Die einzigen Filme, die ich mit Lu im Normaltempo anschauen konnte, waren Psychothriller. Manchmal ließ ihn seine Panik vor großen Gefühlen aber auch dort durch die Szenen het-zen. Ständig schien er zu befürchten, die Schurken könnten ihren Opfern etwas Schwülstiges zuflüstern, ehe sie ihnen die Kehlen durchtrennten oder sie aus Flugzeugen warfen.
Und nun hatte sich mein Gatte gleich mehrere meiner Romane heruntergeladen, wie eigenartig. Und wie ungeschickt, das über meine Kreditkarte abzurechnen und mich damit auf seine Fährte zu setzen. Wollte er sie vielleicht als Urlaubslektüre genießen? Ich musste grinsen. Er würde sich wundern. Immerhin spickte ich meine Bücher mit einer gehörigen Portion Erotik. Nicht dieses platte Genitalien-Gegrabsche, das die Literaturszene derzeit beherrschte. Nein, ich schrieb subtil, ließ der Fantasie mehr Raum, als ich ihr nahm.
Wenigstens hat er etwas zu tun, dachte ich. Wenn es mal regnete. Wenn Yvonne mal früh ins Bett wollte. Alleine, wie ich hoffte.
Yvonne.
Mit einem Mal wurde mir schlecht. Was wäre, wenn sich nicht nur Lu von meinen Büchern inspirieren lassen würde? Was, wenn er sie zuerst Yvonne lesen ließ? Meine männlichen Helden glichen alle irgendwie Lu. Wenn eine Frau nach einer pfiffigen Methode suchte, sich einen Mann zu angeln, gaben meine Bücher brauchbare Tipps. Würde das nun Konsequenzen haben? Würde Yvonne sich an meinen Gatten heranwerfen, nach einer Strategie, die aus meiner Feder stammte?
„Du bist bekloppt“, schalt ich mich laut. Ich musste nur daran denken, wie schwer es meinem jüngeren, schlankeren und um so vieles hübscheren Ich gefallen war, den schüchternen Lu zu verführen. Wenn Yvonne sich Chancen ausrechnete, dann durfte sie sich auf eine Überraschung gefasst machen. Aus keinem meiner Bücher würde sie sich zusammenreimen können, wie es mir gelungen war, das Herz meines Mannes zu gewinnen, auch nicht, wenn sie sie sechs Wochen lang vorwärts und rückwärts las. Das war mein ganz persönliches Geheimnis und würde es bleiben.
Für einen Augenblick wollte Mitleid mit der armen Nebenbuhlerin in mir aufflackern, aber dann war dieser Moment auch schon wieder vorbei. „Viel Glück, Schätzchen“, murmelte ich.
Missmutig wühlte ich mich weiter durch die Post und griff nach dem Brief eines unbekannten Notars. Seine Kanzlei hatte ihren Sitz in Düsseldorf. Vermutlich irgend so eine Verlagssache. In dem Fall würde ich das Schreiben gleich weiterleiten an meinen Agenten Norbert Schulte, der kümmerte sich um solche Dinge ganz ausgezeichnet.
Seufzend riss ich den Brief auf und überflog ihn.
Dann las ich ihn ein zweites und drittes Mal.
Das war unmöglich. Hier musste ein Irrtum vorliegen. Susanne Sandig konnten auch noch andere Frauen in Deutschland heißen. Frauen, die einen Vater gehabt hatten und sich nicht wunderten, wenn sie wegen seines Nachlasses an den Rhein eingeladen wurden. In meiner Geburtsurkunde stand schwarz auf weiß Vater unbekannt. Und dabei war es geblieben.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Beherzt griff ich zum Telefon.
„Guten Tag, mein Name ist Susanne Sandig. Ich möchte gerne Herrn Lamberg sprechen.“
„In welcher Angelegenheit?“, fragte eine sympathische Frauenstimme.
„Ich habe heute eine Einladung in seine Kanzlei erhalten und befürchte, dass es sich dabei um ein Versehen handelt.“
„Einen Moment, Frau Sandig, ich verbinde.“
„Lamberg, guten Tag, Frau Sandig. Wie schön, dass Sie sich melden.“
„Guten Tag, Herr Lamberg. Ich habe heute Ihr Schreiben erhalten. Da muss ein Irrtum vorliegen.“
„Sind Sie nicht Susanne Sandig, geboren am 28. Mai 1962 in Düsseldorf? Verheiratet mit Ludger Burg?“
„Doch, aber …“
„Nichts aber. Hier liegt kein Irrtum vor.“
„Das ist unmöglich. Es gab in meinem Leben keinen Vater.“
„Das mag schon sein, Frau Sandig, aber in dem Leben Ihres Vaters gab es Sie. Glauben Sie mir, alles hat seine Richtigkeit. Wann können Sie mich besuchen? Wäre Ihnen morgen früh recht? Ich fahre nämlich mit meiner Familie in den Urlaub und würde diesen Fall ungern länger als nötig liegen lassen.“
Ach du je, jetzt war ich schon ein Fall. Das wurde ja immer schöner. Und morgen sollte es noch heißer werden als heute. Prima. Ich war schon lange nicht mehr bei 40 Grad in einen Ferienbeginn-Stau geraten.
„Na gut“, gab ich klein bei.
„Wäre Ihnen acht Uhr recht?“
Ich rechnete rückwärts. Um einen so frühen Termin zu schaffen und ins 170 km entfernte Düsseldorf zu fahren, müsste ich um sechs losfahren. Aufstehen würde ich dann also um vier, damit ich in aller Ruhe duschen und frühstücken konnte. Da ich gerne lange schlief, vorzugsweise zwölf Stunden, würde ich sofort nach diesem Telefonat ins Bett gehen müssen. Das kam überhaupt nicht infrage.
„Sind Sie noch dran, Frau Sandig?“
„Oh ja, entschuldigen Sie. Zehn Uhr wäre mir lieber“, sagte ich.
„Na gut, dann zehn. Ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen.“
Was antwortete man darauf? Ich mich auch? Ich hatte bis vor wenigen Minuten nicht einmal von der Existenz dieses Mannes gewusst, da war freuen vielleicht nicht ganz das richtige Wort, oder? Er schien aber seit Jahren zu wissen, dass es mich gab. Für ihn machte das endlich Sinn. Wer konnte wissen, wie viele Stunden er mit meinem Erzeuger über mich schon gesprochen hatte? Mein Gott, was wusste dieser Notar von mir? Vermutlich ganz andere Dinge als ich. Irgendwie gruselig, fand ich.
„Ja, ich freue mich auch, Herr Lamberg“, log ich. Das konnte ja heiter werden.

Kapitel 3

Ich hatte meinen Kaffee noch nicht ganz aufgebrüht, da fuhr bereits Krug mit seinem Mechaniker vor. Sie kamen mit einem Abschleppwagen, auf dem der Leihwagen stand, und blieben vor unserer engen Einfahrt auf der schmalen Straße stehen. Krug stieg aus und kam mir langsam entgegen, während sein Mitarbeiter die schicke schwarze Limousine abzuladen begann.
„Mein Gott“, murmelte Krug entsetzt, als er sich meinem grünen Cabrio näherte. „Der ist ja Schrott!“
Ich mochte es nicht, wenn die Leute so negativ einge-stellt waren. Vorne sah er doch noch ganz passabel aus, fand ich. Da waren nur die Schweinwerfer zersprungen, als ihn der Trecker gegen den Stall geschoben hatte.
„Hallo, Herr Krug, schön, dass Sie so schnell kommen konnten“, begrüßte ich den Autohändler freundlich.
„Wie ist das denn passiert, um Gottes Willen?“, fragte er entsetzt.
„Ich habe mich mit den Gängen vertan“, setzte ich an zu erklären. „Diese Monster haben einfach zu viele davon, finden Sie nicht auch?“
Neben dem riesigen Reifen des Treckers sah Krug noch kleiner aus, als er ohnehin war. Er wirkte außerdem ein wenig in sich zusammengefallen. Kopfschüttelnd stand er vor meinem Wagen.
„Den haben Sie ja regelrecht zusammengefaltet“, sagte er leise und sah mich mit traurigem Blick an.
„Ich nicht, Herr Krug, das war der Trecker“, stellte ich klar. „Und jetzt kann ich den Wagen nicht mal in den Stall fahren, damit er innen nicht nass wird, wenn es doch mal regnet.“ Sie hatten zwar keinen Regen angekündigt, aber man musste bei einem Cabrio immer besonders umsichtig sein.
Krug starrte auf das verschobene Verdeck.
„Das lässt sich übrigens nicht mehr richtig hoch- und runterfahren“, fügte ich hinzu. „Das hatte ich vergessen zu erwähnen.“
Krug schluckte kommentarlos und sah mich skeptisch von der Seite an.
„Ehrlich“, beteuerte ich, „glauben Sie mir!“
„Ich glaube Ihnen, Frau Sandig, ich glaube Ihnen“, murmelte Krug und strich beinahe zärtlich über das grotesk aufragende Softtop.
Der Mechaniker hatte inzwischen die Ersatz-Limousine abgeladen und fuhr sie langsam auf den Hof. Platz war ja genug, zum Beispiel vor der Wurzel.
Er stieg aus und kam auf uns zu. „Ach du Scheiße“, rief er. „Wie haben Sie das denn hingekriegt?“
Musste ich alles zweimal sagen?
„Das spielt jetzt keine Rolle mehr“, sagte Krug knapp. „Der ist hin, endgültig.“
„Wirklich?“, fragte ich verwundert. „Kann man ihn nicht einfach ein bisschen auseinanderziehen, ausbeulen und dann neu lackieren? Und das Dach vielleicht bügeln?“
Krug bückte sich und hob die Stoßstange auf. Er sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen.
„Setz dich in den Trecker und starte ihn mal“, wies er seinen Mitarbeiter an.
Der Mann sprang leichtfüßig auf das hohe Trittbrett.
Ich sah auf meine Küchenleiter, die noch immer neben der Wurzel lag. Damit war ich in das hohe Monster geklettert, um Lu zu überraschen und mal eben die blöde Wurzel rauszuziehen, mit der er sich seit Tagen abstrampelte. Die Leiter war zwar etwas wackelig, aber sie hielt einiges aus, ganz im Gegensatz zu den alten Holzleitern, die hinter den Ställen lagen. Früher war ich damit in jeden Obstbaum hinten auf der Wiese geklettert. Das traute ich mich schon lange nicht mehr.
„Erinnerst du dich denn gar nicht mehr an unsere Träume?“, hatte Lu erst vor wenigen Tagen frustriert gefragt, als er seine umfangreiche Kirschernte ins Haus schleppte.
„Natürlich erinnere ich mich noch daran“, erwiderte ich etwas ungehalten. Musste er immer wieder damit anfangen? „Aber damals waren wir jung, kinderlos und romantisch verblendet. Seitdem ist viel geschehen“, sagte ich.
Träume hatten für Lu eine lange Haltbarkeit. Auch ich warf sie nicht einfach über Bord, selbst wenn es ihm manchmal so erschien. Aber ich war im Gegensatz zu ihm bereit, sie auszulagern, wenn es die Realität verlangte. Eine Realität, in der wir davon lebten, dass ich nonstop Bestseller schrieb und Lu sich um unsere sechs Kinder und den Hof kümmerte. Was sollten diese ständigen Anspielungen auf eine Zeit, in der ich noch fit und unternehmungslustig gewesen war? Als ich Jahr für Jahr tonnenweise Kompott und Marmelade gemacht hatte? Bei meinem Gewicht konnte ich mich inzwischen kaum noch vernünftig bewegen, geschweige denn auf wackeligen Leitern in die zahllosen Obstbäume steigen, die mich wie erhobene Zeigefinger von früh bis spät für meine mangelnde Selbstdisziplin tadelten. Auch wenn er es sich noch so sehr wünschte, die Zeiten, in denen ich Obst zermatschte und in Gläser füllte, weil ich nichts Besseres mehr zu tun hatte, waren vorbei, ein für alle Mal.
„Starte mal!“, rief Krug und schon sprang der alte Trecker ins Leben.
„Und jetzt fahr langsam vor!“
Es knirschte zum Gotterbarmen, als sich der Trecker bewegte und mein Cabrio mit sich zog.
Statt sofort den Motor abzustellen, fuhr der Mechaniker so lange weiter, bis mein Wagen nicht mehr mit der Nase an der Stallwand klebte, sondern mitten im Hof stand.
Krug bückte sich und sah unter meinen Wagen, dann blickte er mich an.
„Der hat sich ja völlig verkeilt“, sagte er vorwurfsvoll.
„Ja“, nickte ich, „dieses komische Ding da hinten dran hat ihn ein bisschen aufgespießt, oder?“
„Ein bisschen aufgespießt“, murmelte Krug und schüttelte den Kopf. „Ja, so könnte man das auch nennen.“
„Wie schnell können Sie den Wagen reparieren?“, fragte ich.
„Reparieren?“ Krug sah mich entgeistert an. „Den hauen wir in die Presse, Frau Sandig.“
„Wirklich?“ Ich erschrak. „Oh, dann muss ich noch eben was aus dem Kofferraum holen. Könnten Sie die Klappe mal hochmachen?“
„Da lässt sich nichts mehr hochmachen, Frau Sandig“, sagte Krug und sah mich an, als wäre ich begriffsstutzig. Er zeigte auf den Wagen. „Da ist kein Kofferraum mehr!“
Ach du lieber Himmel, dachte ich. So ein Mist! Ich hatte die Kiste mit den Chipstüten drin gelassen, damit Lu sie nicht sah. Balsamico Geschmack, meine Lieblingssorte. Und nun war alles hin? Wirklich ein Jammer!
„Was soll ich jetzt machen, Chef?“, fragte der Mechaniker.
„Keine Ahnung“, sagte Krug und wischte sich mit einem Taschentuch über die Glatze. „Schlepp ihn raus auf die Straße, wir versuchen ihn mit dem Kran anzuheben und ziehen ihn dann auf den Schlepper.“
„Soll ich nicht mal eben den Schlüssel holen?“, bot ich an, aber Krug warf mir einen Blick zu, als wolle er mich ohrfeigen.
„Den behalten Sie mal als Andenken“, sagte er bitter.
Was regte er sich eigentlich so auf? Er hatte doch sein Geld längst verdient. Unsere Wagen waren alle Vollkasko versichert, ich würde mir halt einen neuen bestellen, das war doch sicher im Preis drin, oder? Das war zwar ärgerlich und die Versicherung würde es auch nicht gerade lustig finden, aber davon ging doch die Welt nicht unter. Das war doch keine Katastrophe.
„Würde denn der Schlüssel in meinen neuen Wagen passen? Ich will den gleichen nochmal, dasselbe Modell, dieselbe Farbe.“
„Nein, der wird nicht passen“, antwortete Krug langsam, dann besann er sich. Immerhin war ich eine wirklich gute Kundin.
„Ich hole mal eben etwas zu schreiben aus meinem Wagen, Moment bitte, Frau Sandig.“
Als er zurückkam, setzten wir uns in den Schatten, ich stellte ihm ein Glas kalte Orangenlimonade hin.
„Dasselbe Modell also nochmal?“
„Ja, natürlich. Das war ja ein wunderschönes Auto“, sagte ich.
Krug warf einen Blick zur Hofeinfahrt, wo sein Mitarbeiter die grünen Trümmer gerade mit einem lauten Kreischen auf die Ladefläche des Abstellwagens fallen ließ. Dann füllte er schnell ein Auftragsformular aus und schob es mir zur Unterschrift herüber.
Ich unterzeichnete, dann stand Krug auf, reichte mir die Hand und sah mich ernst an. „Geben Sie gut auf sich acht, Frau Sandig“, sagte er. Dann wies er mit dem Kopf auf den Trecker, den der Mechaniker freundlicherweise gerade in den Stall fuhr. „Und lassen Sie die Finger von dem Ding. Sie haben ja schließlich einen Mann, der sich damit auskennt.“ Er nickte ein letztes Mal und ging.
Ja, ich hatte einen Mann, der sich damit auskannte. Aber der war gerade für die nächsten sechs Wochen fortgefahren. Lu würde mit Billy und Bärbel, die eigentlich Sybille und Barbara hießen, keine Schwierigkeiten haben in den nächsten Wochen. Sie waren Hanni und Nanni im Sattel und würden so oft reiten wollen, bis sie auf ihren Pferden festwuchsen. Er konnte sich also mit Yvonne, der Mutter ihrer Freundin Meike, die sie begleitete, ausgiebig um die Kleinen kümmern. Till und Becky, die eigentlich Tilmann und Rebecca hießen, waren allerdings eine Herausforderung. Wie kleine Naturwissenschaftler waren sie immer mit ihren Insektengläsern und Lupen unterwegs, mit Hunderten von Fragen in ihren klugen Köpfen und meist auch schon mit halbwegs passenden Antworten.
Dreimal war ich schwanger geworden, dreimal mit Zwillingen. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit einer solchen Häufung von Mehrlingsgeburten? Die Jungs, Jens und Lars, waren vor den Ferien achtzehn geworden und hatten gerade ihr Abitur bestanden. Vor wenigen Tagen waren sie zu einer Interrail-Tour durch Europa aufgebrochen, danach wollten sie Freunde in Berlin besuchen, ehe für sie die Uni begann. Bisher hatten sie sich nicht gemeldet, ich war gespannt, ob sie das noch tun würden.
„Lass sie einfach“, hatte Lu gemeint, als ich ihn darauf ansprach. „Sie sind flügge, daran musst du dich gewöhnen.“ Er sah mich an. „Die Mädchen und die Kleinen brauchen uns aber noch eine Weile, Sue. Es wäre gut, wenn wir uns nicht dauernd streiten würden über so einen Mist wie die Wurzel da draußen.“ Dabei hatte er mit dem Kopf zum Hof gewiesen.
Er hatte recht.
„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, Lu“, sagte ich resignierend. „Vielleicht ist es das Wetter.“
„Vielleicht solltest du einfach mal eine Pause machen und doch mit ans Meer fahren“, widersprach er.
„Was soll ich denn da?“, fragte ich. „Am Strand rumliegen?“ Ich zeigte auf meinen Körper. „Wer will sowas wie mich im Badeanzug sehen? Du etwa?“
Lu presste die Lippen aufeinander. Das hieß so viel wie „Nein, danke“, da war ich mir sicher, auch wenn er das immer wieder abstritt.
Das Mittagessen war trotz meiner etwas melancholischen Grundstimmung fröhlich und laut wie immer verlaufen, und wir hatten das Geschirr noch nicht ganz in die Spülmaschine geräumt, da fuhr Yvonne vor.
Die Frau konnte keinen geraden Satz schreiben und war intellektuell einem Blumenkohl nur unwesentlich überlegen, aber sie war alles, was ich nicht mehr war, vor allem schlank und ausgesprochen hübsch. Ich sah sie förmlich, wie sie sich am Strand in ihrem knappen Bikini im Sand wälzte, den panierten Körper dann seufzend ins warme Wasser gleiten ließ, nur um sich anschließend zum x-ten Mal von Lu den Rücken frisch mit Sonnencreme einreiben zu lassen.
Ich konnte Yvonne nicht ausstehen und sie mich ebenso wenig, aber ich hatte es nicht übers Herz gebracht, mich wie eine eifersüchtige Zicke aufzuführen und zu verbieten, dass sie und Meike meine Familie begleiteten.
„Hallo, Yvonne“, zwang ich mich zu einem Lächeln.
Wie einen toten Fisch legte sie ihre kalte Flosse in meine verschwitzte Hand. Leute, die keinen festen Händedruck hatten, irritierten mich zutiefst.
„Sue! Du siehst ja … wunderbar erholt aus!“
„Hallo, Tante Yvonne!“ Becky stürzte auf sie zu und sprang ihr in die Arme. Till riss sich ein wenig zusammen, aber auch er konnte seine Freude kaum verbergen.
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Wann war diese aufgetakelte Brünette für eines meiner klugen Kinder zur Tante geworden? Ich warf Lu einen alarmierten Blick zu, aber er gab ungerührt den herzlichen Gastgeber.
„Yvonne! Na, dann können wir ja gleich fahren. Ach, eine Tasse Kaffee vor der Abfahrt, was meint ihr?“ Strahlend schaute er in die kleine Runde, wies mit dem Kopf unauffällig in Richtung Anrichte und scheuchte mich damit zur Kaffeemaschine.
Aus einer der unteren Schubladen fischte ich ein Tupper-döschen mit ganz besonderen Kaffeepads – besonders alten – und drückte für unsere neue Tante auf das blinkende Lämpchen. Während die Senseo in die Tasse rotzte, füllte ich ein wenig Milch in ein Milchkännchen und stellte es mit einem dazu passenden Zuckerdöschen auf den Tisch.
„Oh, du Gute“, säuselte sie. „Milch gerne und viel, aber auf Zucker verzichte ich schon ewig.“ Lasziv strich sie sich über das hautenge ärmellose Shirt, das ihren üppigen Busen betonte.
„Wirklich?“, fragte ich scheinheilig. „Ich nicht.“ Dabei tätschelte ich meine Speckrollen.
Becky lachte albern auf. „Mama ist ganz schön kuschelig!“ Sie kletterte auf meinen Schoß und schmiegte sich an mich. Klarer Fall, sie war ab sofort meine Alleinerbin.
„Ja“, fühlte sich Till inspiriert. „Nur sie schwitzt so viel.“
Lu rettete mich. „Habt ihr alle gepackt? Dann raus mit euch!“ Er stellte sich in den Hausflur und pfiff laut auf zwei Fingern. „Abfahrt in 10 Minuten! Wer nicht pünktlich ist, darf heute Abend nicht mit an den Strand!“
Mit vereinten Kräften räumten wir drei Erwachsenen die Lebensmittel und zwei zusätzliche Kisten mit Hygieneartikeln und anderem Krimskrams in den Kofferraum des Vans und in Yvonnes Sportflitzer, dann waren sie so weit. Ein letztes Mal schüttelte ich den toten Fisch, dann drückte ich meine Kinder und nahm ihnen letzte Versprechen für gutes Benehmen ab. Zum Schluss stand ich vor Lu.
„Pass auf dich auf“, sagte er und sah mir ernst in die Augen. Das hieß eigentlich „Friss nicht so viel“, da war ich sicher, aber das Lächeln auf seinem Gesicht war trotz unserer Wurzeldifferenzen echt und galt in diesem Augenblick nur mir. Ich war immer wieder überwältigt, wie mir dieser Mann das Gefühl geben konnte, als würde er mich – oder das, was aus mir geworden war – allen Ernstes noch lieben wie vor einundzwanzig Jahren, als wir heirateten, aber er schaffte es.
Ich nahm ihn in die Arme und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund. „Du auch!“
Und schon stand ich winkend in der Hofeinfahrt und war allein.
Wie jetzt auch wieder, als Krug und sein Mitarbeiter mit einem letzten Hupen davonfuhren.

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