Kapitel 2

„Und dann bekommst du einen Privatlehrer. Du wirst sehen, das wird großartig!“
Laras Mutter strahlte ihre Tochter an, die mit entsetzt aufgerissenen Augen vor ihr stand.
„Nun komm schon, Mücke, mach nicht so ein Gesicht! Du wirst sehen, das wird das Abenteuer deines Lebens!“
Ihr Vater hatte den Arm um die verunsicherte Mutter gelegt und versuchte ganz offensichtlich, ihr Rückendeckung zu geben.
Lara schwieg. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging in ihr Zimmer. Draußen im Zwinger hörte sie die Hunde bellen. Die Sonne stand hoch, es war ein kalter Januartag, ihre Eltern hatten frei und sie hätte theoretisch keinen Grund gehabt, sich mit Roger bei Sorglos zu treffen, wäre Pocke nicht gewesen. Das, dachte Lara bitter, hatte ihr Vater nicht kommen sehen, als er ihren Welpen vor zwei Jahren einfach im Hotel abgeliefert hatte. Er hatte gemeint, sie hätte das Manöver nicht durchschaut. Wie blöd konnten Erwachsene eigentlich sein? Na gut, hatte sie damals gedacht, wenn ihr uns nicht wollt, dann gehen wir eben ins Hotel.
Lara biss die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Verdammt! Warum war sie nur noch nicht alt genug, um bestimmen zu können, dass sie in Deutschland bleiben würde? Sie sollte Pocke verlassen? Und Roger? Wie sollte das gehen?
Tränen schossen ihr in die Augen. Meine Güte, wie sollte sie ihrem Freund das bloß beibringen? Übermorgen würden sie schon abfahren. Übermorgen! Das hatten ihre Eltern extra so eingefädelt, da war sie absolut sicher. Das kam doch einer Entführung gleich, oder? Konnte sie nicht irgendwo um Asyl bitten? Im Hotel? Oder in einer Kirche?
Lara schluchzte auf. Roger! Er würde das nie verstehen, nie! Wie sollte er die Schule denn ohne sie schaffen? Mann, was für ein Mist!
Lara lief zwischen Fenster und Kleiderschrank hin und her. Sollte sie einfach abhauen? Sachen packen und untertauchen? Würde Roger mitkommen? Wenn er doch nur ein Handy hätte, mit dem man telefonieren könnte und nicht nur diesen lausigen, antiken Knochen, der nur noch Fotos machen konnte! Wenn seine Mutter nur nicht so geizig wäre!
Sofort erschrak sie. Nein, Frau Roland war nicht geizig. Sie passte nur aufs Geld auf, seitdem Rogers Vater abgehauen war. Und Roger konnte nicht jobben, weil ihm sonst die Zeit gefehlt hätte, mit ihr zu üben.
Lara spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Sie war zwar erst vierzehn, daran hatte sie ihr Vater eben mehr als einmal erinnert, aber sie wusste genau, dass Roger es ohne sie nicht schaffen würde. Wie sollte das auch gehen? Wenn er am Montag zur Schule käme, dann wäre der Platz neben ihm leer und würde leer bleiben, weil seine beste Freundin mit den Eltern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mal eben in den tiefsten Osten Europas gezogen war, in die Pampas, um ein Tierheim für Straßenhunde aufzubauen. Super!
Vielleicht könnten sie Roger mitnehmen? Der blöde Privatlehrer könnte ihn doch einfach mit unterrichten, oder? Der würde sich sicher nicht dauernd über ihn lustig machen wie ihr Deutschlehrer, der sich so cool vorkam, wenn er die Arbeiten zurückgab und jeden, aber auch jeden von Rogers vielen Fehlern mit der ganzen Klasse besprach. „Auch wenn hier niemand außer Roger eine solch ungewöhnliche Lese- und Rechtschreibschwäche hat, kann euch die Übung nicht schaden, oder?“, säuselte er dann scheinheilig und genoss die vielen Lacher, die er auf Kosten ihres Freundes erntete. Mann, war der Typ bescheuert. Er merkte gar nicht, wie sie in der Pause über ihn herzogen. Roger war nämlich in der Klasse ganz schön beliebt, auch wenn niemand Lust hatte, mit ihm zu üben. Gut so, sonst hätte er ja weniger Zeit für mich, dachte Lara und wusste, was sie machen musste. Sie musste mit ihm sprechen, und zwar sofort.
Als sie dick eingemummt das Haus verließ, hörte sie ihre Mutter rufen „Wo gehst du hin, Kind?!“, aber da schlug die schwere Haustür bereits hinter ihr ins Schloss.
Es war nicht weit bis zu Roger. Er würde sich wundern, dass sie zwei Stunden früher kam als gewöhnlich. Verflixt, war das kalt! Der Winter hatte es in sich.
„Genau das ist der Grund, warum wir so schnell fortmüssen, Schatz“, hatte ihr Vater gesagt und beim Reden Unterlagen sortiert und in eine Aktentasche geschoben. „Der Winter ist dort, wo wir hinfahren, noch schlimmer, und die Hunde sterben den Leuten unter den Händen weg.“
„Wie.. wie … wie wollt ihr denn im Schnee ei… ei… ein Tierheim aufbauen?“, hatte sie ihn angefunkelt.
„Wir haben zwei Häuser gekauft, die werden wir wieder umfunktionieren. Du weißt doch, wie wir arbeiten, Lara. Erst die Soforthilfe, dann der Aufbau, dann die Übergabe an die örtlichen Tierschützer. In diesem Fall hat uns Ulli gerufen, die kennst du doch noch, oder? Die hat uns die Mutter von Pocke gebracht, erinnerst du dich nicht? Sie braucht dringend Hilfe, ihr sterben die Hunde unter den Händen weg bei den Minusgraden, die dort gerade herrschen. Wir heizen die Häuser auf, dann holen wir aus der Station, die Ulli betreut, so viele Tiere raus, wie es geht und danach sehen wir weiter.“
Klar. Ihre Eltern hatten mal eben wieder zwei Häuser gekauft. Logisch. Wieso wunderte sie sich überhaupt noch?
„Wie viele Zi… Zi… Zimmer?“ Lara kannte die Antwort eigentlich schon.
„Insgesamt zwanzig, wenn du es so genau wissen willst“, sagte ihr Vater und verließ den Raum, um etwas in den Überseekoffer zu stopfen, der im Flur stand.
Ja, sie hatte es geahnt. Zwei Villen, sicher ohne Nachbarn weit und breit und rundherum hoch eingezäunt. Wie immer. Das kam davon, wenn man reiche Eltern hatte. Eltern, die das Erbe der eigenen, noch reicheren Eltern in Tierschutz investierten, in ganz Europa. Wie Batman und Robin eilten sie von Land zu Land und halfen mit ihrem Vermögen fremden Tierschützern, Hunde zu retten. Nahm das denn nie ein Ende? Hatten sie denn nicht längst schon genug gehol-fen? Konnten sie den Tierschützern nicht einfach Geld in die Hand drücken und ihnen am Telefon erklären, was sie damit machen sollten? Scheinbar nicht. Papa war davon überzeugt, dass er vor Ort sein musste. Eines Tages würde sie auch begreifen, warum. Ha! Wenn er sich da mal nicht täuschte!
Lara merkte, dass sie sehr schnell ging. Die Wut trieb sie durch die Kälte. Sie waren nicht einmal seit zwei Jahren zurück in Deutschland und packten bereits wieder. Gott, wie sie das hasste! Was nutzte es ihr, dass sie ein wenig Spanisch sprach, ein wenig Italienisch, ein wenig Griechisch, wenn sie doch eigentlich nur ein ganz normales Mädchen hier in Deutschland sein wollte, das nicht stotterte und das endlich einmal Freunde behalten durfte? Wieder spürte sie, wie die Tränen kamen, aber dieses Mal versuchte sie erst gar nicht, sie zu unterdrücken. Wenn sie jemand sah, würde er glauben, der eisige Wind sei schuld.
Es war ja nicht so, dass sie etwas gegen die Arbeit ihrer Eltern hatte, im Gegenteil. Lara hatte schon vor Jahren begriffen, wie wichtig es war, nicht nur dauernd von Tierschutz zu sprechen, sondern ihn auch zu leben. Noch in Spanien, wo sie gelebt hatten, bevor sie nach Deutschland zurückkehrten, war sie aus freien Stücken Vegetarierin geworden, was ihre Mutter sehr übertrieben fand und ihr Vater als vorübergehende Marotte bespöttelt hatte. Aber das war inzwischen auch schon vier Jahre her, und sie hatte nicht nachgegeben. Sollten sich ihre Eltern halt etwas einfallen lassen, wenn sie wollten, dass die ständigen Mäkeleien der Freunde, sie könne magersüchtig werden, aufhörten. Und so hatten sie Lara beigebracht, sich aus einem Vorratsschrank mit vegetarischen Fertiggerichten zu ernähren, die zwar alle satt machten aber nicht wirklich gut schmeckten.
„Was soll das denn sein?“, hatte Roger eines Tages, als er mit zu ihr gekommen war, angewidert gefragt.
„Soja-Burger“, antwortete sie und lachte. „Keine Sorge, das schmeckt besser als es aussieht, und dafür musste kein Tier sterben. Und hierfür auch nicht.“ Dann holte sie die Zutaten für ihren heiß geliebten Salat aus dem Kühlschrank.
Roger grinste und begann, den Salat zu putzen, Tomaten, Paprika und was sie sonst noch bereitgelegt hatte zu zerschneiden und die Soße zu würzen. Das war etwas, was er wirklich liebte: Essen zuzubereiten. Er versorgte seine drei jüngeren Geschwister schon seit Jahren, seitdem seine Mutter den ganzen Tag weg war und auf zwei Putzstellen arbeitete. Und er war richtig gut.
Lara seufzte. Ok, das waren alles nur einfache Gerichte, die er für die Zwillinge und seine Schwester zubereitete, aber es roch großartig, wenn er kochte, das musste sie zugeben, auch wenn sie nicht verhindern konnte, dass Bilder von leer gefischten Weltmeeren vor ihren Augen auftauchten, sobald er die Packung mit den Fischstäbchen aufriss, und panische Rinder im Schlachthof, sobald er das Gehacktes aus dem Kühlschrank nahm.
Wenn sie Zeit hatte, dann gab sich Lara besonders viel Mühe mit ihrem Salat. Sie liebte Kräuter über alles und pflegte einen richtigen kleinen Kräutergarten. Im Sommer draußen im Garten, im Winter eben drinnen. Ihr Zimmer glich meistens einem Treibhaus und das fand sie wunderbar.
„Bist du verrückt?“, fragte Roger sie entsetzt, als sie ein paar gelbe Blüten von einer Blume pflückte, sich eine davon genussvoll in den Mund schob und die anderen liebevoll auf dem Salat verteilte.
„Ganz und gar nicht, probier doch mal!“ Wenn sie mit Roger alleine war, hörten die Worte auf zu stolpern. Sie flossen einfach zu ihm hin, als wäre Sprechen nicht mühsam, sondern die natürlichste Sache der Welt.
Er hatte die Blüte mit geschlossenen Augen buchstäblich im Mund zergehen lassen und schien zu überlegen, zu welchen Gerichten sie wohl passen würde. Dann sah er sie an und meinte, das schmecke gar nicht so schlecht. Sie erinnerte sich, wie sie sich ausgeschüttet hatten bei dem Gedanken, wie blöd die Kleinen gucken würden, wenn plötzlich Blüten auf ihrem Spinat schwimmen würden.
Sie würde sich weigern zu packen! Genau, das war die Lösung! Es machte keinen Sinn mehr, zu versuchen mit ihren Eltern zu reden. Egal, wie gut sie sich die Worte zurechtlegen würde, sie würden ja doch nicht an einem Stück aus ihrem Mund kommen und am Ende nur einen mitleidigen Blick ihrer Mutter und zusammengepresste Zähne ihres Vaters provozieren, der sich hartnäckig weigerte, die Anweisung ihres Therapeuten zu befolgen und das Stottern einfach zu ignorieren.
Lara war so wütend! Es würde ihr nie und nimmer gelingen, ihren Eltern klarzumachen, dass sie wirklich und wahrhaftig keinen weiteren Umzug mehr überstehen würde, dass sie nicht fort wollte von Pocke und vor allem nicht von Roger, von dem sie letztens sogar geträumt hatte. Einen sehr schönen Traum, bei dem er sie in den Arm genommen und geküsst hatte. Und in ihrem Traum war es vollkommen ruhig und still gewesen. Warum sie das so schön gefunden hatte, konnte sie nicht einmal genau sagen, sie wusste nur, dass es jetzt nicht aufhören durfte, nicht jetzt! Sie wollte nicht schon wieder fortgehen müssen!
Vor Rogers Haus wischte sie schnell mit der Hand über das Gesicht und die Tränen weg, dann schellte sie, und ihr wurde klar, dass sie dies vermutlich gerade zum letzten Mal tat. Schluchzend sank sie auf die Knie.
Als Roger schließlich die Tür öffnete, konnte sie ihn vor lauter Tränen kaum noch erkennen.
 
Kapitel 3

Lara war fort.
Roger bemerkte gar nicht, wie Pocke ihn durch den nassen Wald zog. Eigentlich durfte er das nicht, und der Hund wusste das auch, aber da Roger keine Lust hatte, das Ziehen mit einem Ruck zu beenden, musste sich der Hund ja denken, dass es ausnahmsweise wohl mal ok war. Lara hätte das nicht durchgehen lassen, das wusste Roger genau.
Lara.
Die Schule war die Hölle. Der leere Stuhl neben ihm wirkte wie eine Bedrohung, und um ein Haar hätte er am ersten Tag beinahe vor allen Klassenkameraden angefangen zu heulen. Hatte er nicht, Gott sei Dank, aber das war fast so schwer gewesen wie damals, als sein Vater ausgezogen war, und alle zuhause geweint hatten außer ihm.
Als Lara fortgegangen war, war seine Mutter abends spät noch mal in sein Zimmer gekommen, was sie sonst nie tat. Sie stand in der Tür, er konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Ihre Stimme klang nicht so barsch wie sonst, als sie ihn fragte, ob alles in Ordnung sei mit ihm.
Er wollte antworten: „Nein, ist es nicht, und wird es auch nicht mehr. Nie mehr“, aber dann murmelte er: „Geht so“.
Sie räusperte sich und sagte dann leise: „Wenn du reden willst, komm rüber.“ Dann schloss sie vorsichtig wieder die Tür.
Roger ging nicht zu ihr. Wie hätte das auch gehen sollen? Was wusste sie denn schon, wie er sich fühlte? Wie hätte er ihr erklären sollen, dass mit Lara irgendwie auch die Sonne nach Osten abgehauen war, das Lachen, alle Pläne, alles Schöne in seinem Leben? Wenn er das jemandem erzählt hätte, dann hätten sie ihn glatt in die Klapse gesteckt.
Roger hatte sich im Bett umgedreht, geheult wie ein Baby und irgendwann die Finger auf seine Lippen gelegt. Er hatte sie am Sonntag, bevor sie fuhr, vor ihrem Haus in den Arm genommen und ihr einen Kuss gegeben, ganz kurz nur, aber es war ein Kuss gewesen. Sein erster und ihrer wahrscheinlich auch, so wie sie gezittert hatte. Dann war er losgerannt. Er war gerannt, bis er zuhause war, und so wie er sich gefühlt hatte, wäre er gerne weiter gerannt, so lange, bis er aufgewacht wäre und sich alles nur als ein richtig mieser Albtraum herausgestellt hätte. Aber das war kein Traum gewesen, das war knallharte Realität. Lara war fort.
Roger bog in einen schmalen Waldweg ein, der ihn und Pocke auf kürzestem Weg zurück zum Hotel führen würde. Er hatte schon seit Tagen keine Lust mehr auf lange Spaziergänge, wie er sie sonst mit Lara so oft gemacht hatte. Eigentlich hatte er auf überhaupt nichts mehr Lust, ehrlich. Aber Lara hatte das geahnt und ihn schwören lassen, bei allem, was ihm heilig war, dass er sich von nun an alleine um den Hund kümmern würde. Es wäre einfach nicht fair und Pocke würde es auch überhaupt nicht verstehen können, wenn plötzlich die beiden Leute, die er am meisten liebte, gleichzeitig aus seinem Leben verschwinden würden.
Roger wusste, dass sie Recht hatte.
Lara hatte außerdem gemeint, es würde ihn vielleicht trösten, wenn er einfach so weiter machen würde, als wäre sie nur kurz weg. Nun, er versuchte es jeden Tag aufs Neue, aber das Einzige, was er empfand, war tiefe Traurigkeit, denn sie kam nie zurück, sie blieb einfach verschwunden. Da konnte er sich vorstellen, was er wollte, es drängten sich immer nur verschwommene Bilder von ihr in einem Land auf, das sich seiner Vorstellungskraft hartnäckig entzog. Er fühlte sich dann so, als sei sie gestorben.
Nicht ganz so schlimm war es, wenn er seinen Schulatlas aufschlug und dieses Land mit dem unaussprechlichen Namen suchte und mit dem Finger die Straßen entlang fuhr. Dann schien sie ihm erreichbar, aber die Wut auf die Erwachsenen, die genug Macht gehabt hatten, sie zu trennen, wurde dabei so mächtig, dass er erschrak und immer ganz schnell wieder den Atlas zuklappte. Seine Traurigkeit und sein Zorn vermischten sich nachts in seinen Träumen zu einem Gefühl von Machtlosigkeit und dem sehnlichen Wunsch, die Zeit möge schneller vergehen und er rascher erwachsen werden, denn nur dann – das wusste er genau – würde er etwas ändern können. Wenn er erwachsen war und Geld verdiente und selbst über sein Leben entscheiden konnte, dann würde er sie zurückholen, das hatte er sich geschworen. Er musste es nur irgendwie schaffen, bis dahin durchzuhalten. Es konnte einen nämlich verrückt machen zu beobachten, wie langsam sich die Zeiger der Uhr vorwärts quälten und wie elendig lange es dauerte, älter zu werden.
Pocke schien dieses Problem nicht zu kennen. Er hatte ihn am Tag von Laras Abreise mit der üblichen Freude begrüßt und lediglich ein wenig geschnuppert, ob seine Freundin nicht vielleicht doch in der Nähe sei.
Roger beneidete Pocke zutiefst. Der musste wenigstens nicht so tun, als sei er ein Held. Roger hatte sich noch nie in seinem Leben weniger heldenhaft gefühlt als jetzt. Lara hatte ihn gebeten, tapfer zu sein und das mit der Schule irgendwie alleine zu versuchen. Klar, dachte Roger, mach ich locker. Ich kann keine fünf Sätze lesen, ohne dass die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen und ich müde werde, nichts ergibt einen Sinn, was sich zwischen zwei Buchdeckeln versteckt und nicht von Laras Stimme ans Licht gelockt wird, und meine Hand tut so, als sei sie nur zum Gabelhalten da und nicht zum Schreiben. Das wird ein Kinderspiel!
Er war heute nach dem Unterricht in die Stadtbibliothek gegangen und hatte sich ein Buch über Osteuropa ausgeliehen. Die Frau, die dort arbeitete, hatte gestaunt, dass er noch keinen Ausweis besaß. „Vielleicht kommst du ja bald öfter?“, versuchte sie ihn aufzumuntern, als er mit dem Bildband unterm Arm zum Ausgang ging. „Mal sehen“, antwortete Roger und verließ schnell das Gebäude.
Zuhause hatte er das Buch direkt in sein Zimmer ge-bracht. Er würde es sich in Ruhe anschauen, wenn seine Mutter zurück war und ihm die Kleinen vom Hals hielt. Am Ende wollten sie noch, dass er ihnen etwas daraus vorlas, das fehlte ihm noch. Kein Grund, dass sie hautnah mitbekamen, wie schlecht er las.
Seine Mutter wusste das natürlich, hatte es immer ge-wusst und sich sogar viel Mühe mit ihm gegeben, als sein Vater noch zuhause lebte. Sonst hätte er wohl kaum die sechste Klasse geschafft. Aber dann hatten in den Ferien die Streitereien und das Schreien begonnen, und er war froh gewesen, dass man ihn nicht beachtete.
Als er am ersten Schultag der siebten Klasse aus der Hölle der Sommerferien aufgetaucht war, hatte er einen Vater weniger und eine Klassenkameradin mehr gehabt, Lara.
Sie war sehr schweigsam gewesen am Anfang, und bald hatte er auch verstanden, warum. Irgendjemand hatte sie geschubst, gar nicht mit Absicht, glaubte er, und sie hatte ihn angefaucht: „Pa… pa… pass doch auf!“, und das war‘s gewesen. Von da an hatten immer irgendwelche Holzköpfe gekichert, wenn sie aufgezeigt hatte, aber genau das hatte er an ihr ja so bewundert, dass sie es trotzdem tat. Und weil er nicht weniger mutig sein wollte als sie, hatte er versucht, die Texte mit den kleinen Buchstaben zu lesen und hatte versucht, im Unterricht mitzuschreiben, wenn man das von ihm verlangte, obwohl er sich doch alles merken konnte und diesen blöden Stift gar nicht brauchte.
Lara war das schnell aufgefallen. „Meine Güte, was hast du für ein wa… wa… wahnsinniges Gedächtnis!“, sagte sie in einer Pause, und es klang aufrichtig beeindruckt. „Aber das Lesen ist nicht ga… ga… ganz dein Ding, oder?“ Damit hatte ihre Freundschaft begonnen.
Ihr Heimweg war derselbe, und der führte sie, wenn sie trödeln wollten, am Hotel Sorglos vorbei, das direkt am Wald lag. Roger erzählte, seine Mutter arbeite manchmal dort und fragte Lara, ob sie es mal von innen sehen wolle? Sie war begeistert und total neugierig, und so gingen sie rein und tranken einen Kakao, den Lara spendierte.
Sie setzten sich und Lara meinte, sie wolle mal etwas ausprobieren. Sie nahm ein Schulbuch, schlug es an einer beliebigen Stelle einfach auf und las ihm etwas vor. Nicht viel, aber Stoff, den sie noch nicht durchgenommen hatten. Dann klappte sie das Buch zu und fragte: „Was habe ich gerade vorgelesen? Worum ging es da?“ Und Roger fasste es zusammen, ohne ein einziges Detail auszulassen.
„Wow! So machst du das also! Nicht schlecht! Hat deine Mutter dir geholfen?“
„Ja“, antwortete Roger. „Jedenfalls im letzten Schuljahr noch.“
„Oh.“ Sie überlegte kurz. „Wenn du willst, dann kann ich das ja jetzt machen.“
Und dann sorgten sie beide dafür, dass sie sich Tag für Tag, wenn er seine Geschwister versorgt hatte, im Hotel treffen konnten. Irgendwann fiel ihm auf, dass sie kaum stotterte, wenn sie alleine waren und überhaupt nicht, wenn sie etwas vorlas.
„Du musst mir helfen“, meinte Lara eines Tages und sah ihn grinsend an.
„Wie denn?“
„Ich schreibe Geschichten, und ich will sie jemandem vorlesen, der mir auch mal sagt, ob sie gut sind oder großer Mi… Mist.“
„Ok“, meinte Roger begeistert. So kam er sich wenigs-tens nicht vor wie ein Blödmann, der Nachhilfe bekam. Wenn eine Hand die andere wusch, war das schon ganz in Ordnung so.
Und dann hatte sie eine eigene Geschichte vorgelesen und es war unglaublich gewesen. Sie stotterte natürlich nicht ein einziges Mal und was sie las, gefiel ihm so gut, dass er aufsprang. „Wow! Das war super! Hast du davon noch mehr?“
Das war vor zwei Jahren gewesen und er hatte die Ge-schichte noch immer im Kopf. Sie handelte von einem Mädchen und ihren schweigsamen Freund. Sie rannten fort und landeten in einem Tal, das voller Blüten stand. Dort richteten sie sich in einer Höhle ein, freundeten sich mit den Wildtieren an und ernährten sich von den Pflanzen, die dort wuchsen. Den Zugang zum Tal versperrte bereits am nächsten Tag ein Fels und vor ihrer Höhle breitete sich ein Feld mit den schönsten Blumen aus, die im Wechsel der Jahreszeiten blühten. Das Mädchen gab dem paradiesischen Tal den geheimnisvoll klingenden Namen Safran, erntete magische Pflanzen und der Junge zauberte damit auf die Speisen, die er für sie beide zubereitete, einen goldgelben Schimmer. Das Wunderbare war, dass sie nach jeder Mahlzeit über größere Zauberkräfte verfügten.
Und wenn man das Mädchen nicht entführt hätte, dann fände man sie heute noch dort, dachte Roger bitter. Er hielt den Kopf gesenkt und sah doch nicht, wohin er trat. Seine Füße versanken im aufgeweichten Waldboden, Pocke zog, der Regen prasselte auf sein nasses Haar und lief ihm über den Nacken in die Jacke. Er spürte es nicht, so wie er eigentlich gar nichts mehr zu spüren schien, außer einer tiefen Mutlosigkeit, die ihm unter die Haut kroch, das Atmen schwer machte und das Weitergehen fast unmöglich. Am liebsten hätte er sich unter einen Busch gelegt und wäre einfach eingeschlafen, bis Lara zurückkam und ihn weckte. Aber Roger wusste, dass niemand kommen würde. Die Zeit stand still. Er war alleine und er würde es bleiben. Vermutlich für immer.
 
Dies ist erst der Anfang. Die Jahre vergehen. Lara & Roger sind am Ende des Romans fast 18.